Christian Odzuck: World Targets in Megadeaths

21. Juni - 2. August 2013

Mit dem Wunsch, eine Plastik auf dem Dach des Galerienhauses ADS1A aufzustellen, die an der Außenkante des Gebäudes wie ein Gipfelkreuz emporragt, trifft Christian Odzuck genau ins Schwarze. Düstere Fehden zwischen der Hausverwaltung, den Galerien im Haus und den Ausstellungsbetreibern des Honigbrotes sind das Resultat mehrerer unangenehmer Gerichtsverfahren. Die Prozesse laufen 1. aufgrund einer im Mietvertrag nicht ausgewiesenen, aber zuvor eindeutig vereinbarten Nutzung des Raumes für Wohnzwecke, 2. gegen den durch die Hausverwaltung an unbekannte Dachdecker vergebenen Auftrag, 35 Getränkekisten ungefragt zu entwenden. Und zuletzt gelingt den gegenerischen Parteien der vernichtende Schlag, als das Honigbrot ebenso unangemeldeten Besuch vom Bauaufsichtsamt der Stadt Köln erhält: mit der Aufforderung, die Dachfreiflächen, die im Vertrag zur Nutzung gestattet sind, unter keinen Umständen jemals wieder zu betreten.

Der Künstler trifft mit seinem Ausstellungskonzept also auf jene Monokultur des Grauens. Das Objekt kann unter keinen Umständen aufgestellt werden und die Möglichkeit der Realisierung scheint ausweglos. In der Erwartung, einen Ort vorzufinden, wo die Kunst und ihr wertvolles Gedankengut wie auf einem Nährboden der Kreativität gedeien, produziert und gefördert werden kann, wird sie stattdessen durch Feindschaft und Missgunst bekämpft.

Megadeaths ist die Bezeichnung für eine Millionen Todesopfer bei einem Demozid, insbesondere durch Massenvernichtungswaffen. In Stanley Kubricks Film Dr. Strangelove erscheint in einer Szene ein Heft mit der Aufschrift World Targets in Megadeaths. Der Titel irritiert, wirft jedoch ernste soziologische Fragen auf.
Was kann die Erklärung für den anhaltenden Einsatz von Gewalt gegen die eigenen Mitmenschen sein? Schiller kommt diesbezüglich in der Ästhetischen Erziehung des Menschen zu der selbst nach 200 Jahren noch aktuellen Bemerkung:
„Woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind? (…) Die Menschheit hat ihre Würde verloren, aber die Kunst hat sie gerettet und aufbewart (…).“
„Wie verwahrt sich aber der Künstler vor den Verderbnissen seiner Zeit, die ihn von allen Seiten umfangen?“ fragt Schiller weiter: „Er (…) strebe, aus dem Bunde des Möglichen mit dem Nothwendigen das Ideal zu erzeugen. Dieses präge er aus (…) und werfe es schweigend in die unendliche Zeit.“

Das 4 x 2 x 2,5 m große Stahlprofilgerüst, eine Adaption einer Reklametafel aus Chicago, USA, wird schließlich vom Künstler erneut adaptiert und in verkleinertem Maß, nämlich 3,5 x 1,5 x 1,5 m in Papier rekonsturiert und im Ausstellungraum aufgestellt. Anschließend wird es an seinem prädestinierten Ort – dem Dach des Hauses – in einer rituellen Zeremonie verbrannt und somit schweigend hineingeworfen. In die unendliche Zeit.

www.christianodzuck.de