Ulrike Möschel: Der Winter dauerte vierundzwanzig Jahre

1. September - 4. Oktober 2013

Eine Brücke aus filigranen Holzstäben und dünnem Shoji-Papier zieht sich durch den Raum. Sie besteht aus sieben Elementen, mit einer Gesamtlänge von über 12 m und verläuft zur Mitte hin spitz nach oben. Die Brücke ist, wie traditionelle Shoji-Türen modulartig zusammengebaut. Auch ihre Teile können bewegt und schnell ab- und, an einen anderen Ort, wieder aufgebaut werden. Dabei ist sie sperrig im Raum aufgestellt und blockiert weite Teile des Arbeitsbereichs, macht ihn unbenutzbar. Vorbild für das Brückenmotiv mit dem sonderbaren Auf- und Abgang ist ein Hokusai-Druck von 1834. Auf dem Farbholzschnitt dient die Brücke dem Übergang über ein sumpfiges Gewässer. Im Ausstellungsraum dagegen ist ein Übergang nicht möglich, die Brücke ist keine Brücke im wahren Sinne, denn die fragile Konstruktion und die vermeintlichen Bodenplatten aus Papier bieten keine Stabilität.

Die Installation wird begleitet von einer polyphonen, offenen Klanginstallation. Drei flüsternde Stimmen hört man mal zeitversetzt, mal synchron in Japanisch, Englisch und Deutsch sprechen. Sie zitieren Versstücke aus einem N?-Theaterstück. Der japanische Ursprungstext wurde aus dem Altjapanischen ins Japanische, vom Japanischen ins Englische und von der Künstlerin schließlich vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Das Stück handelt von einem weiblichen Geist, der zu Lebzeiten dem Bau einer Brücke verpflichtet ist. Aus Angst, man könne ihr unansehnliches Gesicht erblicken, arbeitet sie ausschließlich im Dunkeln an der Architektur und scheitert schließlich an deren Fertigstellung.

In der Ausstellung spielt das künstlerische Mittel der Übersetzung und das daraus entstehende Neue eine besondere Rolle. Die mehrfache Transkription verdeutlicht dies. Im Weiteren betrifft das auch die Übertragung japanischer Kulturgüter in einen ortsfremden Bedeutungsraum. Möschel adaptiert Hokusai, N?-Theater und die mit Shoji-Papier bespannten Trennwände und verleiht diesen Elementen einen neuen Zusammenhang, etwa wie die modulare Bauweise der Shoji-Rahmen im Kontext der Installation. Ausserdem findet eine dimensionale Übersetzung statt: Der Holzschnitt Hokusais wurde in Form einer Plastik in den Raum, und so aus der Bildfläche in die dritte Dimension übertragen. Dabei wurden nur die visuellen Merkmale aufgegriffen. Die Brücke hat keinen Nutzen, sie kann nicht betreten werden. Und so löst sich ihre Funktion auf in ein malerisches Moment.

Möschel erhielt 2012 für drei Monate ein Arbeitsstipendium in der Villa Kamogawa des Goethe-Instituts in Kyoto, Japan und wird von der Galerie Rupert Pfab vertreten.

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